Niksen

In jeder Situation erreichbar und verfügbar sein dank Smartphone oder Smartwatch, Rückruf- und Erinnerungsservices, Kolleg*innen, die mal eben mit einem Zettel um die Ecke kommen und daran erinnern, was noch alles jetzt bitte erledigt werden muss, E-Mails mit einem roten Dringlichkeitsausrufezeichen... und dann das schlechte Gewissen, das wir uns selbst einreden und von anderen nähren lassen, wenn wir unsere Zeit nicht effektiv und vor allen Dingen effizient nutzen. Und zwar zu jeder Zeit.

 

Ach ja. Und dann gibt es noch diesen wunderbaren Ausdruck des lebenslangen Lernens. Weil ja unser Gehirn auch bis zum Tod lernfähig ist. Die Hirnforschung nennt dies neuronale Plastizität. Und Neues zu lernen und sich in Neuem auszuprobieren macht ja trotz Anstrengung auch Spaß. Und man verlässt die eigene Komfortzone. Und schon sind wir auf eine weitere Begrifflichkeit gestoßen, die wir ständig hören.

 

Unser Leben ist also prall gefühlt mit Terminen und Herausforderungen. Und das unserer Kinder mittlerweile auch.

 

Wir fühlen einen kurzen Moment der Dankbarkeit und Erholung, wenn dann mal ein Termin abgesagt wird. Jetzt wäre Zeit zum Durchatmen und Nichtstun. Wenn da nicht noch... Ach und Sport könnten wir auch mal wieder machen! Und meditiert habe ich schon lange nicht mehr. Ist aber wichtig, dass wir auch mal loslassen. Wir haben doch gelernt achtsamer mit uns zu sein. Und Meditation ist eine Möglichkeit zu mehr Achtsamkeit. Also: Bloß jetzt keine Langeweile aufkommen lassen. Langeweile ist böse. Wir wollen nicht als Faulenzer oder Taugenichts dastehen - auch nicht vor uns selbst.

 

Plötzlich sind wir also wieder in irgendeiner Aktion. Nicht in Ruhe. Nicht im Nichtstun. Obschon es genug Literatur gibt, die uns aufzeigt, das echtes Nichtstun, und damit ist nicht Schlafen gemeint, dem Körper und dem Geist neue Kraft gibt.

 

Nun kommt als neuer Trend aus einem nordischen Land der niederländische Wohlfühlbegriff "Niksen" um die Ecke. Gemeint ist Abhängen, Nichtstun, nur Dasitzen wie es schon Loriot in einer seiner bekannten animierten Comic-Zeichnungen formuliert hat. Hier steht tatsächlich das physische Element des Nichtstuns im Fokus. Die Gedanken dürfen wandern. Wohin sie wollen. Sie dürfen bleiben solange sie wollen. Wir müssen nicht mit ihnen arbeiten. Im Gegenteil. Und das ist für uns manchmal echt schwer auszuhalten. Wir haben einerseits verlernt wirklich mit uns und unseren Gedanken alleine zu sein. Und sie andererseits nicht auf irgendein konkretes Ziel hin zu lenken. Und bitte das Ganze ohne Anstrengung. Gar nicht so einfach. Oder doch?

 

Wann haben Sie das letzte Mal nichts getan?

 

Wie wäre es, jetzt einfach mal aus dem Fenster zu schauen?

Oder für die Mutigen: Schalten Sie Ihr Handy für 30 Minuten aus.

 

Ich wünsche Ihnen einen erholsamen ersten Advent.